Univ. Prof. Dr. Kurt Kotrschal

 

 

Univ. Prof. Dr. Kurt Kotrschal

Univ. Prof. Dr. Kurt Kotrschal ist gebürtiger Oberösterreicher. Er studierte an der Universität Salzburg Biologie und verbrachte einige Jahre als Biologe in den USA (Health Science Center Univ. Colorado und University of Arizona in Tucson) Er kehrte wieder nach Österreich zurück und spezialisierte sich unter anderem auf Neurobiologie und Ethologie (Verhaltensforschung). Heute ist Kotrschal Assistenzprofessor für Zoologie an der Universität Wien und Nachfolger des weltbekannten Verhaltensforschers und Nobelpreisträgers Konrad Lorenz in dessen Forschungsstelle in Grünau im Almtal. Prof.
Kotrschal hat an zahlreichen Universum-Produktionen des Fernsehens mitgewirkt und für mehrere große Tageszeitungen und Magazine in Europa Beiträge geschrieben.
Er zählt heute zu den profiliertesten Verhaltensforschern. ( www.wolfscience.at , www.klf.ac.at )


 

Tiere und kindliche Entwicklung

Eine Reihe von Studien belegt einen günstigen Einfluss von Tieren auf die Entwicklung von Kindern. Das Aufwachsen mit einem Hund oder einem anderen Tier, welches eine soziale Bindung ermöglicht, begünstigen Selbständigkeit, Verantwortlichkeit, Einfühlungsvermögen und damit soziale Kompetenz. Maßgeblich dafür ist wahrscheinlich die Fähigkeit von Kindern und Tieren, sich aufeinander emotional zu beziehen.


 

Hunde in der Schule

Lehrer, die ihre Hunde in die Schule mitnahmen, berichteten immer schon wahre Wunderwirkungen auf Klassenklima, das Verhalten der Kinder und die Unterichtssituation. Allerdings gab es relativ wenig “harte” Daten zu diesem Thema. Dies nahm das IEMT Österreich im Jahr 2000 zum Anlass, eine Studie zu initiieren, in der systematisch die Wirkung der Anwesenheit eines Hundes im Klassenzimmer untersuchte. Konkret ging es um Integrationsklassen, 1. Klasse Volksschule. Dazu nahm die Lehrerin nach Erheben von Basisdaten, ab Beginn des 2. Semesters täglich je einen ihrer gut geeigneten und trainierten Hunde mit.

Was wir fanden, bestätigt im Wesentlichen die Erlebnisberichte der LehrerInnen. Die Anwesenheit des Hundes wirkte als “sozialer Katalysator”, machte die Klasse zur besseren sozialen Einheit, hauptsächlich indem sie das extreme Verhalten (Hyperaktivität oder totales in sich zurückgezogen
sein) mancher Kinder milderte und die Aufmerksamkeit in Richtung Lehrerin verstärkte. Die Kinder waren weniger aggressiv, mehr am Unterricht beteilig und gingen lieber zur Schule als in der Zeit vor dem Hund oder in einer parallelen Klasse ohne Hund.

Parallel dazu maßen Psychologen Parameter der Persönlichkeitsentwicklung in der Klasse mit dem Hund und in einer Kontrollklasse und fanden signifikante Verbesserungen in Selbständigkeit und Empathiefähigkeit von Februar bis Juni nur in der Klasse mit Hund. Alle diese Effekte waren offenbar nachhaltig und auch nach wochenlanger Anwesenheit des Hundes fielen die Kinder nicht wieder in ihre alten Verhaltensmuster zurück. Wir schließen daraus, dass bei passender Situation (Lehrer mit geeignetem Hund, Eltern einverstanden) ein Hund im Klassenzimmer die sozialen Beziehungen und die Unterrichtssituation deutlich und nachhaltig beeinflussen kann.


 

Warum Menschen mit Tieren sozial sein können; die evolutionären Grundlagen

Dass Menschen mit Tieren Beziehungen bilden können, die zwischenmenschlichen Beziehungen ähneln, ist nicht selbstverständlich. Das evolutionäres Kontinuum, also die Tatsache dass auch Menschen evolutionär aus affenähnlichen Vorfahren entstanden sind, ist dabei sicherlich ein wichtiger Faktor, taugt aber wohl nicht als alleinige Erklärung,  zumal die engsten Tierkumpane des Menschen, Hund, Katz & Co nicht auch gleichzeitig zu den nächsten stammesgeschichtlichen Verwandten des Menschen zählen. Tatsächlich machen offensichtlich konservativ über den Wirbeltierstammbaum beibehaltene Strukturen und Funktionen von Gehirn und Physiologie, sowie Anpassungen an ein komplexes Soziallebens Menschen sozialfähig mit Tieren.

Menschen lebten bis vor einigen tausend Jahren als Jäger und Sammler. Das mag die menschliche “Biopilie” und die Neigung, mit Tieren zu leben erklären. Zudem gibt es Strukturen, Mechanismen und Funktionen des Wirbeltiergehirns, welche über die Stammesgeschichte konservativ beibehalten wurden und zu den wichtigsten Werkzeugen der zwischenartlichen Sozialfähigkeit zählen; dazu zählen die buchstäblich von Fisch bis Mensch unveränderten Anteile des “sozialen Netzwerks” im Gehirn. Diese sind für die instinktive Anteile des sozio-sexuellen Verhaltens zuständig, aber auch an den Mechanismen der sozialen Bindung, der basalen Emotionssysteme und auch an der basalen Empathiefähigkeit beteiligt. Dieses Substrat schlägt den Grundtakt in den komplexen sozialen Systemen der Wirbeltiere.

Komplexe soziale Systeme benötigen aber auch großer Gehirne mit leistungsfähigen Kontrollzentren, die bei Säugetieren und Vögeln parallel entstanden sind. Zwischenartliche Sozialbeziehungen werden weiters durch gemeinsame Prinzipien der Organisation von Verhalten generell begünstigt, einschließlich der Art wie Emotionen kommuniziert und deren Interpretation in der frühen Sozialisation gelernt wird. Schließlich führte eine Selektion auf Zahmheit dazu, dass domestizierte Tiere generell von ihren sozialen Anlagen her wesentlich bessere Partner für Menschen abgeben, als Wildtiere. Mensch-Tier Partner mit guter wechselseitiger Bindung scheinen “essentialisierte Beziehungen” zu leben, die vor allem auf emotionalen und einfachen operationalen Ebenen zwischenmenschlichen Beziehungen ähneln, denen aber natürlich der für menschliche Beziehungen oft bezeichnende, komplexe kognitive Überbau fehlt.

Weitere Links zum Thema "Wissenschaft"

Clever Dog Lab ( http://homepage.univie.ac.at/friederike.range/ )